Geschichte der Berliner Anatomie 1935 - 1945

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1935 - 1945

Die bis dahin vor allem deskriptive Anatomie wendet sich in dieser Zeit einer funktionelleren Betrachtungsweise zu. Anton Waldeyer, der 1935 Prosektor wird, ist mit seinem Lehrbuch einer der Vorreiter dieser Entwicklung. Die erste Auflage  erscheint 1942. Ähnliches gilt für Alfred Benninghoff (1890-1953, Kiel und Marburg), dessen Lehrbuch im selben Jahr herauskommt. Auch Hermann Stieve (s. unten) gilt als Verfechter einer funktionellen Anatomie.

Die Zahl der Medizinstudenten nimmt in diesen Jahren stark zu. Im Wintersemester 1938/39 werden über 1200 Studenten im Präparierkurs unterrichtet! Auch in den Kriegsjahren wird diese Zahl nicht geringer, denn das Militär braucht viele Ärzte.

Die Zeit des "Dritten Reichs" in der Geschichte der Berliner Anatomie ist aus heutiger Sicht aber auch durch eine Verbindung zur nationalsozialistischen Justiz gekennzeichnet. Sehr viele der in Berlin-Plötzensee Hingerichteten gelangen nach ihrem Tod in die Anatomie, wo ihr Leichnam für Lehre und Forschung verwendet wird. Die Verwendung solcher Körper Hingerichteter in der Anatomie beruhte auf Gesetzen von 1877 und war an sich kein Nazi-typisches Recht. Allerdings waren Exekutionen in der Weimarer Republik selten geworden, während nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 die Zahl der Hinrichtungen stark ansteigt und die Justiz sich schnell zu einer Unrechtsjustiz entwickelt. Vor allem in den Kriegsjahren werden in Plötzensee und in anderen deutschen Hinrichtungsstätten Tausende Männer und Frauen hingerichtet, meistenteils aus politischen Gründen. Die Anatomen des deutschen Reichs werden in dieser Zeit - gewollt oder ungewollt - zu "Profiteuren" einer mörderischen Justiz.

Hermann Stieve

Hermann Stieve war von 1935 bis 1952 Direktor der Berliner Anatomie. Er war einer der wenigen anatomischen Lehrstuhlinhaber seiner Zeit, die nicht in die NSDAP eintraten.

Sein Hauptforschungsinteresse galt der Anatomie und Physiologie der Fortpflanzung bei Mensch und Tier, insbesondere dem Ovar. Seine histologischen Untersuchungen brachten ihn in Gegensatz zu dem Gynäkologem Hermann Knaus, dessen Annahmen zur Vorhersagbarkeit des Eisprungs und der "unfruchtbaren Tage" im weiblichen Zyklus er (letztlich zu Recht) in Frage stellte.

Stieves Lebenswerk wird heute sehr kontrovers beurteilt. Während er zu seinem 100. Geburtstag noch als "ein großer Anatom, der durch seine vorbildlichen klinisch-anatomischen Forschungen Grundlagen der Gynäkologie revolutioniert hat" bezeichnet wurde (Götz 1986), hat ihm seine Forschung an den Organen hingerichteter Frauen aus Berlin-Plötzensee auch den Vorwurf eingetragen, von der offensichtlichen Unrechtsjustiz des Nationalsozialismus profitiert und - zumindest nach heutigen ethischen Maßstäben - ethische Grenzen im Umgang mit Toten überschritten zu haben (Winkelmann/Schagen 2009).

Stieve hat - in einer Mischung aus Ehrgeiz und Pflichtgefühl - zum Nutzen seiner Forschung mit der nationalsozialistischen Justiz kooperiert. Hingegen haben sich Behauptungen, er hätte das Hinrichtungsdatum für seine Forschung entsprechend dem Menstruationszyklus der Frauen "bestellen" können, inzwischen als falsch herausgestellt. Siehe unter Literatur.

Kriegszerstörung

Im Februar 1945 erleidet die Anatomie einen Bombentreffer, der den Ostflügel des Gebäudes zerstört. Der Präparator Otto Seifert  wird verschüttet, kann aber unversehrt geborgen werden. Im März 1945 zerstört ein Bombenangriff den großen Hörsaal.

Kurz vor Kriegsende wird auch das Gelände um die Anatomie zum Ort des Häuserkampfes. Noch heute tragen die Mauern Spuren der damaligen Gewehrsalven.