Charité Human Remains Projekt

Das "Human Remains Project" des Fächerverbunds Anatomie

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin beherbergte Schädel- und Skelettsammlungen, die zum Teil aus der Kolonialzeit stammten.

Das "Human Remains Project" hat sich innerhalb eines kritischen wissenschafts- und kolonialhistorischen Kontextes detailliert mit der Herkunft dieser Sammlungsstücke auseinandergesetzt.

Im Rahmen dieses Projekts wurden sterbliche Überreste aus anthropologischen Sammlungen an Namibia (2011, 2014), Australien (2013, 2014) und Paraguay (2012) zurückgegeben.  

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Charité Human Remains Project

Die Charité beherbergte größere anthropologische Schädel- und Skelettsammlungen, die zum Teil in der Kolonialzeit zusammengetragen wurden. Daraus ergaben sich Restitutionsforderungen die inzwischen größtenteils erfüllt wurden. Für eine adäquate Reaktion auf solche Forderungen erwies sich allerdings der Kenntnisstand zur Herkunft der Sammlungsstücke wie auch zum weiteren kolonial- und wissenschaftshistorischen Kontext der Sammlungsentstehung als nicht ausreichend. Zudem fehlten in Deutschland allgemein anerkannte Kriterien für entsprechende Rückgabeverhandlungen.

Ziel des Projekts "Human Remains" war es – auch im Sinne einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte –, ausgewählte Teile der Sammlungen exemplarisch unter zwei Aspekten ergebnisoffen zu beforschen:

  • Erstens sollten verlässliche Informationen über die Herkunft und den Erwerbskontext der Sammlungsstücke zusammengetragen werden.

Diese Provenienzforschung erfolgte interdisziplinär auf der Grundlage historischer und anthropologischer Methoden.

  • Zweitens sollte die zugehörige Sammlungs- und Sammlergeschichte in ihrem wissenschafts- und kolonialhistorischen Kontext erstmals eingehend aufgearbeitet werden.

Die Charité-Sammlungen bieten sich dafür besonders an, da sich in Berlin im späten 19. Jahrhundert die deutsche Anthropologie als wissenschaftliches Fach konstituierte.

Das Projekt "Human Remains" hat im Oktober 2010 seine Arbeit aufgenommen und wurde für drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Das Projekt ist dem Fächerverbund für Anatomie und dem Medizinhistorischen Museum der Charité zugeordnet.

Herr Prof. Dr. med. Andreas Winkelmann ist inzwischen am Institut für Anatomie der Medizinischen Hochschule Brandenburg – Theodor Fontane tätig und führt dort die Forschungen weiter.

 

 

 

 

 

 

 

Wissenschaftlicher Workshop

Sammeln und Bewahren, Erforschen und Zurückgeben -
Human Remains aus der Kolonialzeit in akademischen und musealen Sammlungen

4.-6. Oktober 2012 in der Anatomie der Charité, Berlin


In vielen Ländern Europas rückt augenblicklich die Kolonialzeit stärker ins Bewusstsein der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei gerät unter anderem eine Praxis der Wissenschaft um 1900 in den Blickpunkt: das Sammeln von einzelnen Schädeln oder ganzen Skeletten für eine wertende und hierarchisierende physische Anthropologie. Wesentliche Impulse für eine intensivere Auseinandersetzung mit der anthropologischen Sammler- und Sammlungsgeschichte, wie auch mit den wissenschafts- und kolonialgeschichtlichen Hintergründen, ergeben sich insbesondere aus den Forderungen nach Rückgabe dieser sterblichen Überreste (human remains). Diese werden seitens der Nachkommen betroffener Ethnien oder, in deren Vertretung, von politischen Institutionen der sie repräsentierenden Länder zunehmend an Sammlungen und Museen gestellt. Damit begegnen sich in aller Regel Werte- und Wissenskontexte, die nicht von Vornherein miteinander kompatibel sind oder auch nur die gleiche Sprache finden. Zudem erweist sich nicht selten der Dokumentationsstand der in Frage stehenden human remains hinsichtlich Provenienz und individueller Zuordnung als dürftig, disparat und meist als für die rückfordernden Interessensgruppen enttäuschend.

Aus diesem Grund setzt sich eine DFG-geförderte Forschergruppe an der Charité unter dem Titel Charité Human Remains Project exemplarisch mit einschlägigen Sammlungskonvoluten auseinander mit dem Ziel, Recherchepfade zu erproben, Herkunftsfragen zu klären, Sammlungskontexte zu erhellen und – gemeinsam mit anderen Interessierten – Empfehlungen für den Umgang mit derartigen Anfragen und mit den vorhandenen problematisierten Sammlungen zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund veranstaltet das Charité Human Remains Project einen Workshop vom 4.–6. Oktober 2012 am Centrum für Anatomie der Berliner Charité. Wir werden uns in drei größeren Themenblöcken den aktuellen Fragen nähern. Im ersten Block werden verschiedene Aspekte der Sammlungs- und Sammlergeschichte im kolonialen Kontext vorgestellt und diskutiert; im zweiten Block werden natur-, kultur- und geschichtswissenschaftlichen Ansätze in der Provenienzforschung  vorgestellt und diskutiert; der dritte und größte Block wird sich mit bisherigen Erfahrungen mit Restitutionsprozessen sowie mit rechtlichen, politischen, kulturellen und historischen Aspekten solcher Prozesse beschäftigen und mögliche Richtlinien thematisieren. Ausgangspunkt des Workshops sind vor allem die im deutschsprachigen Raum vorhandenen (akademischen und musealen) anthropologischen Sammlungen, der Schwerpunkt wird auf dem durchaus kontroversen und jedenfalls sehr vielschichtigen Thema der Restitution liegen.